Mit Polychromos und Prismacolor malen
Materialien & Reviews

Weil ich gerne zeichne, brauche ich die besten Materialien

Machen teure Kunstmaterialien aus einem Künstler einen besseren Zeichner und aus einem Bild ein Meisterwerk? Nur, weil man gerne und viel zeichnet, muss man deshalb nur das Beste vom Besten an Materialien benutzen? Oder tun es auch günstigere Alternativen?

Bitte nur teure Kunstmaterialien

Ich habe mir schon das Hirn für einen anderen Artikel zermartert, da kam allerdings grade nichts Produktives zu Tastatur. Daher wollte ich, aus aktuellem Anlass, doch ein anderes Thema anschneiden, welches mir schon diverse Male unter gekommen ist.

Grund für meine Überlegungen war meine letzte Marker Preisrecherche, die wieder übertriebene Preissteigerungen bei den Copics zutage förderte. Ich mutmaßte, dass es an Lieferengpässen aus Japan liegen könnte, da ich nun schon des öfteren darüber gehört habe. In meinem Kunstforum kam dann eine kleine Diskussion ins rollen, die mehr auf die Gier des Herstellers abzielte. Dabei stellte ich mir die Frage: wie groß ist die Schmerzgrenze der Kunden wirklich? Welchen Preis würde man noch für einen Einzelstift bezahlen (auf der Webseite des Herstellers z.B. 8,32 €), wenn die stetig wachsende Konkurrenz Stifte für nur einen Bruchteil des Geldes anbieten kann.

Google Suche Layoutmarker - Müssen es die Kunstmaterialien sein?
Google Suche nach Layoutmarkern

 

Qualität nur durch Marke? Macht der Preis die Qualität?

Ohne das Klischee vom Preis der Qualität schreiben zu wollen, so denken wir dennoch zwanghaft, dass eine Marke grundsätzlich bessere Qualität liefert, als ein nicht bekanntes Produkt bzw. ein Produkt ohne Marke. Das mag früher auch sehr oft der Fall gewesen sein. Man denke nur an das berühmt gewordene Schmäh-Siegel “Made in Germany”. Es hat sich offenbart, dass haltbare Produkte eben dieses Siegel trugen. Und das waren viele Markennamen.

Traurigerweise wurden viele Marken von z.B. billig Herstellern aus China aufgekauft, an den Herstellungskosten oder den Materialkosten eingespart, sodass die ruhmreichen Marken von einst, leider nicht mehr das sind, was sie mal waren (insbesondere bei Haushaltsgeräten oder Autos kann man dies sehen). Dennoch haben wir von Kindesbeinen an gelernt, diese Marke steht für Qualität. Sich um zu gewöhnen, dauert leider…

Mit Polychromos und Prismacolor malen
Mit Polychromos und Prismacolor malen

Gleichzeitig ist aber nicht alles, was teurer ist, automatisch besser. Nicht besser von der Haltbarkeit des Produktes, nicht besser und teurer in der Herstellung (man denke nur an den Marktführer bei den Smartphones). Wir Kunden bezahlen einerseits ein extrem teures Marketing und ein teures Image müssen wir ebenfalls zahlen. Nicht zuletzt lassen sich die Markenträger auch von uns üppige Gewinne finanzieren.

Versteh mich bitte nicht falsch, mir ist wohl bewusst, dass ein internationales kommerzielles Unternehmen Gewinne einfahren will, nein muss. Aber auf dem Rücken der Umwelt, Zulieferer, Angestellten und Kunden müssen diese nun wirklich nicht höher ausfallen als wirklich nötig.

Gut, dafür sprießen immer mehr Start-Ups ins Business um solche Ideale zu bedienen und die Kunden warten sicherlich darauf. Allerdings sollten die Hersteller schon so viel soziale Verantwortung tragen, dies auch ohne Druck von wachsender Konkurrenz tun zu müssen. Wie sagt beispielsweise Google über sich selbst? “Don’t be evil”. Ein schöner Slogan, den meiner Meinung nach gerne mehr beherzigen dürften. 😉

 

Die Faulheit des Kunden

Jetzt will ich mich hier aber nicht als ökologischer und ökonomischer Idealist hin stellen, denn besser bin ich gewiss nicht. 😉 Klar, man macht sich als Konsument so seine Gedanken. Doch geht es wieder ums Kaufen, dann setzt der Denkapparat auf Pause. Wir lassen uns verführen! Von kleinen Preisen, bunten Farben, Neuheiten – und Marken!

Komischerweise kennt jeder die Markenhersteller eines Produktsegmentes, auch wenn er sich grade erst angefangen hat für das Thema zu interessieren. IMMER.

“Ich male seit 2 Wochen und möchte mit Markern malen – wo bekomme ich Copics her?”

“Als ich vor wenigen Monaten angefangen habe zu malen, habe ich mir erst einmal Polychromos gekauft.”

Ich geb’s ja zu! Diese beiden Zitate habe ich mir eben ausgedacht. Doch so, oder so ähnlich habe ich sie tatsächlich schon gelesen. Entweder als Vorstellung in (m)einem Forum, als Selbstbeschreibung, in Facebook-Gruppen & Seiten oder bei YouTube! Oh, ja YouTube! Da tummeln sich reichlich Kiddies, die noch kein eigenes Geld verdient haben, aber schon genau wissen welche Platzhirsche man kaufen haben muss und womit Mama und Papa besser nicht ankommen. Irgendwie interessant. 🙂

Gut, es gibt jetzt deutlich mehr Möglichkeiten der Information, denn als ich in dem Alter war, hatte ich von Copics und Polychromos nun echt keine Ahnung. Ich tingelte “nur” durch die Schreibwarenabteilungen und -läden und nahm wahr, was es gab. Keiner in meiner Familie kam auf die Idee, mit mir woanders hin zu fahren, in einen Kunstbedarfshandel um mir teure Kunstmaterialien zu kaufen. Dass es sowas überhaupt gibt, und dass es Copics gibt, dieses Wissen verdanke ich meiner Berufsschullehrerin während meiner ersten Ausbildung. Boah, war ich doof damals!

teure Kunstmaterialien: Faber-Castell Polychromos Buntstifte 120er Holzkasten
teure Kunstmaterialien: Faber-Castell Polychromos

Und um auf die Doofheit Faulheit der Kunden allgemein zu kommen – ja, man hat die Möglichkeiten sich umfassend zu informieren. Aber sein wir mal ehrlich, bei der Flut an Informationen, die es so im Internet gibt, da geben wir uns mit der erst besten (vielleicht auch noch zweit oder dritt besten, dann ist aber wirklich Schluss) Information zufrieden, die wir finden konnten. Man will ja schließlich nicht sein Leben mit Suchen und Vergleichen verschwenden – jedenfalls nicht mehr, als nötig. 😉

 

Das Beste, oder nichts!

Den Slogan gab es auch in der Werbung. Und Werbung wirkt ja. Manche Hersteller sind so toll, die brauchen keine aktive Werbung zu machen, ihre Kunden machen das schon für sie. ^^ Nennt man auch Mund-Propaganda. Tja, und für teure Kunstmaterialien wird das gerne und viel gemacht. Nicht immer direkt á la “das musst du kaufen”, sondern sehr clever und nicht einmal so beabsichtigt – wer sich ein klasse Bild ansieht, möchte zumeist gerne wissen, womit es erstellt wurde. Und wenn ein Material in der Lage ist, solche tollen Kunstwerke hervorzubringen, dann muss es ja gut sein.

Dem Irrglauben sind leider viele Anfänger und Nicht-Fortgeschrittene aufgesessen: dass ein Werk nur dann gut werden kann, wenn teure Kunstmaterialien verwendet wurden. Dass es aber einen guten Künstler braucht, der auch ohne gute Materialien gute Bilder macht, die guten Materialien aber deswegen verwendet, weil sie für ihn noch mehr aus seiner Kunst herausholen, weil er in seinem Fach geübt ist, das wird gerne übersehen oder schlicht ignoriert.

 

Image ist alles

Wie ein Jäger, der sich gekaufte Trophäen an die Wand hängt, so sind auch wir Kunden gerne breit mit unserer “Beute” anzugeben. Ob wir es nun benutzen (können) oder nicht, ist doch erst mal egal. Wir haben es! Drauf kommt es doch an. Hier fällt mir noch ein anderer Slogan ein: “Wenn du kein iPhone hast, hast du kein iPhone.” Wie genial dieser Slogan eigentlich ist, offenbart sich nur, wenn man sich das mal auf der Zunge zergehen lässt; nicht jeder kann sich ein iPhone leisten, deswegen hat es nicht jeder. Und nicht jedes Phone ist ein iPhone, denn nur ein iPhone ist ein iPhone und nur ein iPhone hat 1000 € gekostet. BÄM!

Ja, einzig und allein darauf kommt es an: mein Auto, mein Haus, meine Yacht… 😉

Copic sind teure Kunstmaterialien
Copic sind teure Kunstmaterialien, aber wer kennt die anderen?

Gut, diejenigen, die die Dinge auch tatsächlich dafür benutzen, wofür sie gedacht sind und nicht nur als Deko, die denken sich auch: “Spinnt die? Hunderte Euro für Deko ausgeben?” Naja, es soll Menschen geben, die genau das tun; Kunst ist ja letztendlich für den Betrachter/ Käufer genau das: Deko (freilich ist Kunst für den Künstler was anderes 😉 ).

 

Muss das sein?

Um zum Sinn und Ende meines Artikels zu kommen: muss das sein? Also, muss es unbedingt das teure, hippe, imagebeladene Markenprodukt sein? Oder geht auch was anderes?

Im Falle der Marker, habe ich ja schon durch eigene Tests heraus gearbeitet, dass Image nicht alles ist. Und auch sonst finden sich in meinem Blog viele Artikel zu unterschiedlichen Materialien, die darauf hindeuten, dass teuer nicht immer besser ist. Es ist wie mit dem Talent; wer es hat, hats einfacher, wer es nicht hat, kann dennoch gut werden, die Mühen sind halt größer. Nichts anderes ist es mit Markenprodukten (jetzt auf teure Kunstmaterialien bezogen).

Dass Kinder und Jugendliche sich durch Vorbilder blenden lassen, weil ihnen die eigene Erfahrung fehlt – geschenkt! Aber von erwachsenen, mündigen und erfahrenen Menschen erwarte ich mehr Mut zu billig!

Auch wenn gesagt wird “wer billig kauft, kauft zweimal”, muss dies nicht immer stimmen. Wenn ich mit einem neuen Kunstmedium starte (z.B. Aquarell, Pastell oder vielleicht demnächst auch mal Acryl), dann muss ich nicht gleich den Marktführer Schmincke nach Hause holen. Ich weiß doch noch gar nicht, ob mir dieses Material wirklich zusagt. Ich bin zwar neugierig auf neue Materialien und Techniken, aber ich wäre verrückt mein weniges Geld ausschließlich für Markenprodukte auszugeben, die deutlich teurer sind, nur um dann festzustellen, dass das Material bei mir im Schrank verstauben wird.

Wer Geld wirklich zu schätzen weiß und weiß, wie anstrengend es erarbeitet werden muss, der weiß, dass er auch mit weniger zufrieden sein kann – erst Recht als Anfänger.

So, und weil ich grade so in Laber- und Angeberlaune bin 😀 möchte ich meine billigsten Stifte raus suchen und damit was Tolles malen (wird auch im Blog präsentiert, versprochen). Und weil zusammen alles viel besser ist, als alleine, möchte ich dich als meinen Leser aufrufen, es mir gleich zu tun. Auf dein Ergebnis bin ich sehr gespannt. 🙂

5 Kommentare

  • Ines

    Sehr schön geschrieben, genau das frage ich mich auch oft, warum es immer wieder so ist, dass Anfänger sofort die High-End Produkte kaufen.
    Klar, bei billig kann einem vllt wegen wirklich schlechtem material auch die Lust vergehen, aber mit günstig ist man immer gut bedient. Lieber mehr Zeit und vllt Geld in Bücher oder Kurse investieren, um das Zeichnen zu lernen, denn das kann teures Material nicht ersetzen.

    • Zeichenkurs

      Hallo Ines,
      dir auch einen lieben Dank für dein Feedback. 😉

      Kurse wären sicherlich eine gute Investition, dort erfährt man dann ja auch, worauf es bei den Materialien wirklich ankommt. Das weiß man als Einsteiger nämlich i.d.R. auch nicht.

  • Elwa

    Dein Artikel ist sehr gut geschrieben und du hast Recht, es muss nicht immer unbedingt das Teuerste sein. Es kommt auf das Können an.
    Vor vielen Jahren habe ich meine erste ACT auch Kakaokarten genannt, erhalten. Es ist eine der besten Tauschkarten und sie wurde mit 20 Jahre alten Schulbuntstiften erstellt.
    Der Aussage, dass gutes Material eine gute Zeichnung noch besser macht, stimme ich uneingeschränkt zu.
    Danke für den tollen Artikel.
    Herzlichen Gruß und ein schönes Pfingstfest
    Liesel

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