Tiefes Lesen – oft gebraucht, selten gekonnt

Wenn es ums tiefes Lesen geht, kann man fast gar nicht anders, als kulturpessimistisch werden. Es scheint, es wird weniger gelesen (wenn man mal von SMS, WhatsApp und Facebook absieht), oberflächlicher und die Inhalte werden weniger nachhaltig verankert. Dabei sollte man meinen, gerade heute, wo wir immer und überall von Informationen umgeben sind, sollten wir lesegeschulter sein, als frühere Generationen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall.

Flucht ins Banale

Im Grunde ist es eine ganz logische Konsequenz: wir haben nicht mehr Aufmerksamkeit zur Verfügung als unsere Eltern – vielleicht sogar noch weniger, weil das Leben doch einiges an Komplexität zugelegt hat. Aber auf der anderen Seite mulitplizieren sich die Informationen, die uns zugänglich sind, rasant. Die Schätzungen, in welcher Geschwindigkeit das geschieht, können gar nicht Schritt halten. Sonst käme es nicht zutiefes Lesen so ungenauen Angaben, wie “etwa alle 5 bis 12 Jahre verdoppelt sich das Wissen.”

Und was tun wir? Wir passen uns an – aber das bekommt uns schlecht. Wir versuchen die uns zur Verfügung stehende Aufmerksamkeit auf immer mehr Inhalt zu verteilen. Wir verschlingen Banales, hinterfragen nicht mehr, behalten nur fragmentarisch, was wir lesen. Ich glaube, anders könnten wir sonst mit der Masse an Inhalt gar nicht umgehen.Dabei möchte ich deutlich “Inhalt” von “Information” trennen. Wenn ich mich so umsehe, dann werden wir zwar ständig von irgendwelchen Inhalten attackiert, aber eher weniger von Information.

Entscheiden Sie wieder bewußt

Wir wollen über alles informiert sein und wissen am Ende nichts. Wer aber wirklich informiert sein will, wer auch in Diskussionen Argumente parat haben will, wer sich echtes Wissen aneignen möchte, der sollte seine Lesegewohnheiten entschleunigen. Tiefes Lesen braucht Zeit, Ausdauer und den Mut zur Lücke. D.h. es ist notwendig, sich auch bewußt gegen manche Texte zu entscheiden. Denn wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit nicht mehr beliebig verteilen, sondern sich wirklich vertiefen, müssen Sie natürlich filtern. Genau das wäre der erste, wichtige Schritt, um aus dem wahllosen Lesekonsum herauszufinden und wieder zum bewußten Lesen zu finden.

Filtern heißt mehr, als nur zu entscheiden “ja, lese ich” oder “nein, lese ich nicht”. Es heißt, sich emanzipieren von dem, was andere für berichtenswert, informativ oder interessant halten.

Machen Sie sich zur Hauptperson

Wie sieht es mit Ihrem Leseverhalten aus? Lesen Sie öfter längere und anspruchsvolle Artikel? Können Sie das, was Sie gelesen haben, in Wissen umwandeln und es auch anwenden? Macht es Ihnen Spaß, sich über das Gelesene auszutauschen? Dann gehören Sie vermutlich zu den Menschen, denen tiefes Lesen eine Selbstverständlichkeit ist.

Jeder Text ist ein Angebot an Sie. Irgendjemand, der das Thema für interessant hielt, hat ihn zur Verfügung gestellt. Bevor Sie das Angebot annehmen, sollten Sie sich ein paar Fragen stellen:

  1. Warum sollte ich das lesen?
  2. Was werde ich am Ende davon haben?
  3. Was hoffe ich daraus zu lernen?
  4. Wie möchte ich es verwenden?
  5. Mit welcher Strategie möchte ich es lesen?

Sie finden, das klingt jetzt zu theoretisch und nicht alltagstauglich? Ich versichere Ihnen, wenn Sie diese Fragen ein paar Mal abgearbeitet haben, übernimmt Ihr Gehirn das irgendwann von selbst. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass Sie aufhören, unreflektiert alles zu konsumieren, was Ihnen unter die Augen kommt. Damit machen Sie Kapazitäten frei, um sich fokussiert einem Text zuwenden zu können.

Falls Sie sich auf den Weg dahin machen möchten, werden Sie hier Ratschläge und Ideen finden, um Sie zu unterstützen.

 

Göran Askeljung

Über den Autor Göran Askeljung

Prof. (op) Göran Askeljung – BcEE, ist Business Trainer bei askeljung.com und Geschäftsführer und Senior Trainer bei immediate effects. Seit 2016 ist Göran Askeljung auch Certified Facilitator und Associate von Consensus in NY, und leitet Consensus Austria und Germany. Als Professor of Practise (op) am Georgian School of Management (GSOM) leitet er das Institut für Sales and Negotiations. Er ist Vorstandsmitglied in der Schwedischen Handelskammer in Österreich und Mitglied des Beirats von Wirtschaftsforum der Führungskräfte (WdF). Göran ist auch als Trainer, Coach und Consultant für Consensus Group (NY, US), The Forum Corporation (UK), eBda (Fr) undNapier Training Associates (UK) tätig. Er ist zertifiziert im Solution Selling® von der SPI University in USA. Seine Arbeit umfasste Tätigkeiten als Trainer und Coach für Produktivität, Verkauf, Vertriebsmanagement, Key-Account Management, Lösungsvertrieb, Verhandlungstaktik, Verhandlungsführung, Rhetorik und Präsentationen. Göran wurde 1967 in Schweden geboren und lebt seit 1990 in Wien. Er spricht fließend Deutsch, Englisch und Schwedisch. Lebenslauf und Werdegang: Oxford Encyclopedia | LinkedIn | XING